18.01.2012Schenkel trainiert, trainiert und trainiert
Schenkel ist nun in der letzten Trainingswoche in Berlin. Unter Supervision von Sprinttechnik Experte Ralph "The Speedator" Mouchbahani wird an der Feineinstellung der grobmotorischen Steuerung von Schenkels Schenkeln geschraubt. Denn "Gerade-Aus-Rennen" will gelernt sein. Umso mehr Trainingsaufwand braucht es, je fortgeschrittener der Athlet ist. Um an dieser Stelle einmal zu klären, wieso der Amaru einen solchen Trainingsaufwand betreiben muss, hier ein Vergleich:
Um an einer Schulprüfung die schlechteste Note 1 zu schreiben (DE = 6), braucht man keine Sekunde in die Schulbücher zu schauen. Man kann an die Prüfung gehen, seinen Namen aufs Blatt kritzeln, in die Runde schauen und das Blatt abgeben, schon hat man die schlechtest mögliche Note erreicht, ganz ohne Lernen! Und so ist es im Sprint. Die schlechtest mögliche Leistung über 100m ist theoretisch gesehen eine unendlich lange Zeit, also man könnte im Gänsefüsse-Marsch loslegen und wäre irgendwann nach einer Stunde im Ziel, ganz ohne Training (ausser Mentaltraining, denn das kostet Nerven die 100m im Gänsefüsse...anyway)
Auf jeden Fall muss man für einen genügende Note in der Schule lernen. Die einen mehr, die anderen weniger, aber man muss sich hinsetzen und den Stoff durchlesen, üben, üben und üben. So hat man mit einem Lernaufwand von sagen wir einmal 4 Stunden, eine genügende Note mit grosser Wahrscheinlichkeit. Auf den Sprint übertragen wäre dies in Etwa 14 Sekunden über 100m. Das bringen die Meisten hin, mit ein bisschen Training, rund 4 Monate zwei Mal pro Woche trainieren sollte reichen.
Will man jedoch mehr als eine genügende Leistung, so muss man sich auch mehr anstrengen. In der Schule muss man für eine gute Note, also eine 5, schon einen beträchtlichen Lernaufwand auf sich nehmen, sagen wir etwa 15 Stunden. Im Sprint wäre dies eine Zeit unter 11 Sekunden über 100m. Das wäre eine gute Leistung und für eine solche Sprintzeit muss sich der Athlet schon ganz schön anstrengen. Um unter 11 Sekunden zu gelangen trainiert ein Athlet mit durchschnittlicher Begabung mehr als fünf Jahre mindestens dreimal die Woche. In den meisten Fällen, reicht aber selbst diese Anstrengung nicht aus, es braucht auch ein gewisses Talent.
Doch um eine sehr gute Leistung zu erzielen, also im schulischen Bereich bspw. eine 5.5 zu erreichen, muss man ganz schön in die Bücher schauen. Da heisst es den TV abschalten, das I-Phone auf die Seite legen (abgeschaltet:-)) und büffeln was das Zeug hält. Fokussiert Lernen und wir attestieren jetzt einmal einen Lernaufwand von zwanzig Stunden für eine 5.5. Und im Sprint genauso. Will man über 100m unter 10.5 Sekunden gelangen, reichen fünf Jahre hartes Training in den meisten Fällen nicht aus. Es braucht rund zehn Jahre (abhängig in welchem Alter man beginnt und wieviel Talent man besitzt) bis ein Athlet in der Lage ist unter 10.5 Sekunden zu laufen. Das wäre eine sehr gute Leistung.
Und jetzt kommt es: Will man eine hervorragende Leistung erreichen in der Schule, dann wird es richtig hart. Lernen bis sich die Balken biegen reicht vielfach nicht aus. Man braucht Talent, muss wissen welche Themen wichtig sind, wo man also fokussieren muss und man muss die Fähigkeit haben sich zu motivieren. Wenn die Schule Spass macht ist man automatisch mehr motiviert und es fällt leichter sich richtig ins Zeug zu legen. Aber ihr merkt, für eine 6 (DE =1) reichen zwanzig Stunden nicht aus. Man muss sich so richtig abmühen und üben, üben, üben, üben.
Genauso im Sprint. Schenkel hat mit einer Zeit von 10.19 sec eine sehr, sehr gute Leistung gezeigt im Jahr 2011. Die zweitschnellste Zeit die je ein Schweizer Athlet gelaufen ist über 100m. Doch Schenkel will mehr. Er will eine hervorragende Sprintleistung zeigen. Den CH-Rekord knacken und noch besser werden. Es reicht ihm nicht die zweitschnellste Zeit aller Zeiten in der Schweiz zu laufen, er will noch schneller werden. Ergo muss er sich ganz brutal ins Zeug legen und trainieren, trainieren, trainieren, trainieren.
Habt ihr es gemerkt? Je höher man rauf will, je mehr Einsatz muss man geben und je weniger schnell kommt man mit gleichem Einsatz weiter. Es ist wie bei einem Berglauf, je höher man kommt, desto dünner wird die Luft, desto mehr Leistung muss man einsetzen, um den Gipfel zu erreichen.

Und Schenkel macht genau das! Er trainiert seit über 10 Jahren härter als die meisten Athleten und hat nun einen Punkt erreicht, wo jede Trainingseinheit absolut durchdacht sein muss. Denn es wird immer härter sich über die 100m zu verbessern. Noch eine 100stel Sekunde schneller zu sein, noch einen Zentimeter früher im Ziel zu sein, dass braucht gewaltigen Einsatz. Ein halbwegs intelligenter Leser (wenn denn noch soviele bis hierher lesen:-)) wird merken, dass die Motivation und mentale Verfassung eine zentrale Rolle spielt, je höher das Leistungsniveau wird. Schenkel möchte seine Leistung von 10.19 Sekunden verbessern. Sprinttraining, Krafttraining, Mentaltraining (Einige entspannen sich mit Gesang), immer dieselbe Sprinthalle, immer derselbe Trainingsweg, immer derselbe Rythmus.. das zerrt an der Kräften.
Also hat sich Schenkel entschieden, dem Sprinterleben etwas Energie einzuhauchen und mit etwas Abwechslung die Leistungsfähigkeit anzukurbeln. Er ging für eine Weile nach Amerika zu Paul ("say hy to Paul") und stemmte unglaubliche Gewicht im Kraftraum. Neue Athmosphäre, neue Energie. Nun ist er in Berlin und heizt über die Piste. Wiederum, neue Umgebung, neue Leute, mehr Energie.
Schenkel ist an einem Punkt, an dem nur ganz wenige Sprinter ankommen und er kämpft sich von Trainingseinheit zu Trainingseinheit, um über diesen Punkt hinweg zu kommen. Immer noch schneller, noch mehr Gewicht, den Fuss 3cm früher zu Boden bringen, den Kopf in der Beschleunigungphase 2 Winkelgrad tiefer halten, die Bodenkontaktzeit um 3/100 Sekunden verkürzen...
All das braucht enorm viel Energie und Durchhaltewillen. Und diese Tapetenwechsel tun dem Zürcher gut! Sie beflügeln ihn und er ist bereit für grosse Taten in 2012! Here we come!

Schenkel und Ralph!








Die amerikanische Krafttraining-Kultur hat ihm gut getan. Das Eisen wurde kräftig angefasst und die Hantelscheiben mussten sich an der Stange festhalten, soviele packte unser Sprintgott an die beiden Enden.



